WO BIST DU ?

Ein Kurzfilm von

Thorsten Harms

©2026

10 Minuten Kurzfilm

Idee, Regie, Kamera: Thorsten Harms

Musik: Rickie Lee Kroell

Produktion: tba

Format: 1:2,35 auf 35mm Film

Ton: Analogton

Drehzeit: 2 Tage

LOGLINE

Angst, Hilflosigkeit, Wut, Hass: Stufe um Stufe verliert sich ein Mann im Gefühl, bis er zu etwas fähig wird, das ihn selbst erschreckt. Im Erwachen begegnet er dem Hass als einem Teil von sich, fremd und vertraut zugleich.

RAUM

Die Ruine eines Hauses, offen zum Himmel, die Mauern geschwärzt, die Fenster leere Höhlen. Was einmal Fußboden war, ist aufgebrochen, darunter liegt nackte Erde. Ein Baum ist durch die Mauern gewachsen und abgestorben.

Auf diesem freigelegten Grund liegt ein Kreis aus den Ästen des toten Baumes. In seiner Mitte ein kleinerer Kreis, neutral, ein Atemraum, ein Nullpunkt. Der äußere Ring ist in vier Felder geteilt: Angst, Hilflosigkeit, Wut, Hass.

Die Felder der Angst und der Hilflosigkeit sind leer. Im Feld der Wut liegt ein dickes Tuch, das sich winden und wringen lässt. Im Feld des Hasses liegt ein schwerer, dicker Ast, aus demselben Holz wie der Kreis selbst. Die Gegenstände erzählen die Steigerung schon, bevor etwas geschieht: Leere, Leere, etwas Weiches, etwas Hartes.

Der Kreis ist zugleich Ritualort und Landkarte, ein Grundriss der Seele, in die Trümmer gelegt. Die Ruine ist das, was von einem Zuhause bleibt, wenn Gewalt hindurchgegangen ist. Der Kreis liegt darin wie ein letzter Versuch von Ordnung. Der Zuschauer versteht seine Ordnung, bevor er versteht, was sie mit einem Menschen machen wird.

WEG

Der Film beginnt mit dem Erkunden. Der Protagonist tastet sich in den Kreis hinein, betrachtet die Felder, die Gegenstände, kehrt in die Mitte zurück. Wir sehen sein Gesicht nicht. Die Kamera erkundet den Ort und den Körper, Stück für Stück, ganz langsam.

Aus dem Off hört man seine Stimme: “Wo warst du? Wo bist du? Wieso hast du das getan?”

In der Angst bleiben ihm der Atem und ein Körper, der sich klein macht und nach einem Ort sucht. Aus der Angst wächst die Hilflosigkeit: Der Körper will etwas tun und greift ins Leere. An diesen ersten beiden Schwellen überschreitet er die Grenze bewusst, und das Bild stellt jeden Übergang heraus. Die Grenze ist ein Ast am Boden, und die Kamera verweilt auf ihr: das Zögern davor, der Fuß, der über das Holz tritt, der Moment, in dem der Körper die Ordnung eines Feldes verlässt und die des nächsten betritt. Jeder Schritt ist hier noch eine Entscheidung.

In der Wut bekommt die Energie zum ersten Mal etwas in die Hand. Das Tuch wird gewunden, gewrungen, die Kraft ist noch gebunden. Jetzt wird er hörbar, im Atem, in Lauten, in ersten Worten. Der Übergang von der Wut in den Hass dagegen ist fließend, die Schwelle verschwimmt. Irgendwann hält er statt des Tuchs den Ast, und der Moment, in dem die Grenze fiel, bleibt für ihn wie für uns im Verborgenen. Aus dem Winden wird Schlagen, aus den Worten ein Schrei, in dem alles herauskommt, was in ihm steckt. Der Mann schlägt auf die Erde ein. Der Hass sucht ein Gegenüber, und die Erde nimmt diesen Platz ein. Er verliert die Kontrolle, etwas fließt durch ihn hindurch, das größer ist als er. Zuerst schlägt er im Stehen, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers. Dann geht er auf die Knie und schlägt weiter, immer näher an der Erde, bis der Ast bricht.

MOODS

ERWACHEN

Unter den Schlägen zerbricht der Ast, im Feld des Hasses. Erst jetzt kann der Mann aufhören. Er sinkt von den Knien nach vorn und liegt danieder, dort, wo er geschlagen hat. Er erwacht genau an dem Ort, an dem der Hass am stärksten war.

Die Erde ist aufgewühlt von den Schlägen, und doch trägt sie ihn. Sie empfängt die Schläge und bleibt. Er liegt auf dem, was er gerade noch vernichten wollte, und es hält ihn. Neben ihm die Bruchstücke des Astes.

Der Film endet nah an seinem Gesicht, das wir hier zum ersten Mal sehen, im Sein mit dem Boden. Die Einstellung darf dauern: der Atem, der sich beruhigt, ein Blinzeln, Finger in der kühlen, weichen Erde zwischen dem Schutt. Die Welt wird wieder hörbar. Das Licht ist vielleicht unmerklich weicher geworden. Wir bleiben ganz nah bei ihm.

HALTUNG

Der Film erkundet, wie Gewalt entstehen kann. Als Erfahrung von innen: Er führt durch die Kette aus Angst, Hilflosigkeit, Wut und Hass, an deren Ende ein Mensch zuschlägt. Gewalt erscheint als etwas, das in jedem entstehen kann.

Der Zuschauer erfährt die Gewalt aus der Perspektive des Täters. Er ist dabei, wenn sie aus einem Menschen herausbricht. Der Film benennt die Gewalt als das, was sie ist, und macht zugleich spürbar, dass Gewalt eine Herkunft hat, die Folge einer inneren Gefühlskette ist. So bricht er die Dualität von Opfer und Täter auf, in der sich Gewalt von Generation zu Generation fortsetzt.

Ein Schauspieler trägt die Rolle, als Stellvertreter, in dem sich jeder wiederfinden kann. Die Hoffnung des Films liegt im Erwachen: In dem Moment, in dem das Werkzeug zerbricht und ein Mensch wieder spürt, wo er liegt. Dort, wo der Kreis sich hätte fortsetzen können, beginnt etwas anderes.

BILD

Der Film soll auf 35mm Film gedreht werden. Die Kamera ist subjektiv, sie gehört dem Erleben des Mannes. Zeitlupe dehnt die Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint: das Zögern an den Grenzen, die Schläge, den Bruch des Astes. Erst mit dem Erwachen kehrt die Zeit in ihren gewohnten Fluss zurück. Wir sehen Hände, Füße, den Körper in Bewegung. Sein Gesicht bleibt verborgen. Erst mit dem Erwachen verschiebt sich die Perspektive: Zum ersten Mal sehen wir ihn von außen, nah an seinem Gesicht, so wie man nach einem Traum plötzlich wieder weiß, wer und wo man ist.

Die Kamera ist nah am Körper und folgt dem Weg durch die Felder. Im Rausch verliert sie ihre Ordnung, wenn der Ast bricht, kommt sie zur Ruhe. Licht ist hier Aufmerksamkeit: Es fragt, wohin man schaut, wenn man hinsehen muss.

TON

Der Ton erzählt mit. Atem, Schritte, das Reiben des Tuchs, die Schläge auf den Boden. Im Hass verstummt alles um ihn. Nach dem Bruch kehrt die Welt zurück: Wind, der durch leere Fensterhöhlen streicht, irgendwo ein Vogel, als hätte sie gewartet.

Die Stimme des Mannes liegt auf zwei Ebenen, im Off und im On. Zu Beginn ist sie nur im Off zu hören, als innere Stimme, die fragt:

“Wo warst du? Wo bist du? Wieso hast du das getan?” Die Fragen richten sich an einen Abwesenden und verhallen in der Ruine.

In der Wut tritt die Stimme ins Bild. Während er das Tuch zu wringen und zu bearbeiten beginnt, wird er hörbar, erst im Atem, dann in Lauten und Worten. Was innen war, kommt nach außen. Im Hass schreit er alles heraus, was in ihm steckt. Die Frage, die im Off begann, entlädt sich im On als Schrei.

KONTAKT

Thorsten Harms

Adlzreiterstrass 16

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